In der pluralistischen Gesellschaft der Gegenwart haben sich religiöse und weltanschauliche Orientierungsangebote vervielfacht. Dringlich stellt sich daher die Frage, welchen Beitrag Religionen und speziell der christliche Glaube zur Lösung der Fragen und Probleme, welche in der gegenwärtigen Gesellschaft und Kultur formuliert werden, leisten können.

Die Katholisch-Theologische Fakultät widmet sich dieser Frage erstens, indem sie in Forschung und Lehre die Sinnressourcen des Christentums erschließt und im kritischen Dialog deren Plausibilität untersucht. Auf dieser Grundlage entwickelt sie Perspektiven für den sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft und für die Gestaltung der Zukunft.

Zweitens erforscht sie das christliche Erbe aus theologischer Perspektive und erarbeitet den Verstehenshintergrund für zentrale europäische Begriffe und Ideen, welche in ihrer Genese ohne das Christentum und andere religiöse Traditionen nicht verständlich sind. So trägt sie zur hermeneutischen Erschließung der religiösen Motive in den Quellentexten der historischen, geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen bei. Ebenso erarbeitet sie die wissenschaftlichen Grundlagen für unterschiedliche Bereiche außeruniversitärer religiöser Bildung, z. B. in den Feldern der Fachdidaktik und Schulentwicklung, der Erwachsenenbildung sowie der kirchlich- pastoralen Praxis.

Drittens untersuchen die ForscherInnen der Fakultät in Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen die Rolle von Religion in weltweiten gesellschaftlichen Veränderungsprozessen. Aufbauend auf der für die christlichen Theologien konstitutiven fächerübergreifenden Grundstruktur setzt sich die Fakultät für die Bündelung der Expertise der unterschiedlichen an Religionsforschung beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen an der Universität Wien ein.

Ziel dieser Bemühungen ist es, die Kooperation durch eine räumliche Zusammenführung der an Religionsforschung beteiligten Institutionen nachhaltig zu stärken und sie durch religionssoziologische Kompetenzen zu ergänzen. Dadurch sollen Synergien freigesetzt und die weltweite Sichtbarkeit der Religionsforschung an der Universi tät Wien weiter erhöht werden.

Zur wissenschaftlichen Erschließung der Sinnressourcen des Christentums untersucht die Katholisch-Theologische Fakultät konkret zunächst die philosophischen Zugänge zur Gottesfrage sowie zum menschlichen Selbstverständnis. In der Entfaltung der Idee der Menschenwürde legt sie Grundlinien für die Orientierung des Menschen in ethisch-kulturellen Herausforderungen unserer Zeit und für die Zukunft dar. Sie untersucht ethische Fragen insbesondere der Familie, im bioethischen, medizinethischen und interkulturellen Bereich.

Angesichts der Erfahrungen der Migration und der politischen Entwicklungen erarbeitet sie aus christlich-philosophischer und theologischer Perspektive Lösungsansätze im Hinblick auf ein gerechtes und friedliches Zusammenleben, Menschenrechte, Demokratie und Religionsfreiheit sowie die Gerechtigkeit politischer und sozialer Institutionen.

Das christliche Erbe und seine Bedeutung für heute erforscht sie mit religions-, geistes-, kultur- und sozialwissenschaftlichen Methoden. Bei der Erfo rschung der biblischen Schriften finden die Kontexte ihrer Entstehung und ihre kulturelle Einbettung sowie ihre Auslegungs- und Rezeptionsgeschichte besondere Berücksichtigung.

Die WissenschafterInnen stehen dabei im Dialog mit den Altertumswissenschaften, Archäologie, Altphilologie und der antiken Orientalistik ebenso wie mit der Kunstgeschichte und Germanistik und verwenden in der Textanalyse die Methoden der modernen Sprachwissenschaften und Linguistik. Die Bibelwissenschaften stehen außerdem im Gespräch mit den vielfältigen Strömungen des Judentums. Im Hinblick auf die weitere Geschichte des Christentums werden Texte, Lebensgewohnheiten, liturgische Praxis sowie kirchliche Verfassungsstrukturen ebenso untersucht wie unterschiedliche theologische Argumentationslinien und spirituelle Entwürfe.

Die besondere Lage am Schnittpunkt von West-, Ost- und Südeuropa macht es erforderlich, dass dem Gebiet der ostkirchlichen Theologien und Liturgien sowie den gemeinsamen Wurzeln in der Geschichte des Christentums in Forschung und Lehre eine besondere Bedeutung zukommt. Interkonfessionelle Fragestellungen werden durch die größte theologische Bibliothek in Mitteleuropa unterstützt, über welche die Universität Wien verfügt.

Ein besonderer Schwerpunkt gilt darüber hinaus der Untersuchung der Texte, Ideen und kirchenpolitischen Weichenstellungen im Mittelalter, das im Austausch mit den Nachbardisziplinen der Medieval Studies erforscht wird. Der Rolle von Religion in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen widmen sich die ForscherInnen zum einen in der interdisziplinären empirischen Werteforschung sowie im Engagement in Menschenrechtsfragen.

Im fakultätsübergreifenden Dialog bringt sie außerdem Perspektiven der Gender-/ Geschlechterforschung in diversen Einzelfächern ein, die einer größeren Geschlechtergerechtigkeit in Gesellschaft und Kirche dienen soll. Im Rahmen der Religionswissenschaft erforschen sie in besonderer Weise die Geschichte sowie die anthropologischen und soziokulturellen Kontexte verschiedener Religionen und Sinnstiftungssysteme und vergleichen diese systematisch.

In Zusammenarbeit mit ForscherInnen der Evangelisch-Theologischen Fakultät, der Orthodoxen Theologie, der Judaistik, der Islamischen Theologie, Religionspädagogik und der Islamwissenschaft tragen sie aktiv zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung über den Beitrag von Religionen im öffentlichen Raum und zur Verständigung der unterschiedlichen Weltanschauungen bei.

Im Dialog zwischen theologischer und religionswissenschaftlicher Perspektive erarbeiten sie darüber hinaus wissenschaftliche Ansätze für eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen kirchlich verfasstem Christentum und säkularen Institutionen. Ihre kirchen- und religionsrechtlichen Untersuchungen widmen sich dem Verhältnis und den Strukturen von Kirchen und Staat.

Entwicklungsplan der Universität Wien 2025