Wednesday 16. May 2012
Katholisch-Theologische Fakultät

Entwicklungsplan 2015


 

Zielsetzungen


Die europäischen Gesellschaften befinden sich aufgrund von Säkularisierungsprozessen und tiefgreifenden Änderungen in der religiösen Landschaft in einem Umbruch. Während
Religion früher ein tragendes Moment der Gesellschaft war und so einen fundamentalen
Beitrag zur Einheit der Gesellschaft leistete, haben sich heute sowohl die TrägerInnen
gesellschaftlicher Strukturen wie religiöse und weltanschauliche Orientierungsangebote
vervielfacht. Diese Pluralisierung, welche die Prozesse der europäischen Einigung begleitet und in eine wirtschaftliche Globalisierung eingebettet ist, berührt alle Lebensbereiche. Dringlich stellen sich daher die Fragen, welchen Beitrag der christliche Glaube für die Entwicklung von Sinnperspektiven und für den sozialen Zusammenhalt in der modernen Gesellschaft leisten kann.

 

Die Katholische Theologie nimmt in dieser Situation in einer doppelten Rolle Stellung. Sie ist zum einen Glaubenswissenschaft, die die Glaubensinhalte des Christentums mit einem
Schwerpunkt auf der von der Katholischen Kirche getragenen westlichen Tradition kritisch
reflektiert und durch ihre Ergebnisse zu einem lebendigen Diskurs über Glaubensfragen
beiträgt. Zugleich ist sie eine Kulturwissenschaft, die einen wesentlichen Teil des kulturellen Gedächtnisses europäischer Gesellschaften methodisch aufarbeitet. Diese Rückfrage nach dem kulturellen und historischen Profil des Glaubens ist für eine Vergewisserung und Aktualisierung der eigenen Glaubenstradition, aber ebenso für das Verständnis zentraler europäischer Begriffe und Ideen von großer Bedeutung, die teils direkt, teils gebrochen ihre Grundlage im Christentum haben und ohne dieses nur begrenzt verstehbar sind.

 

Von dieser doppelten Perspektive her nimmt die Katholische Theologie im Kanon der
Wissenschaften ihre Aufgaben wahr: Zum einen leistet sie einen Beitrag zur
interdisziplinären Erforschung prägender Dimensionen der westlichen Kulturen und ihres
weltweiten Einflusses auf Denkweisen und gesellschaftliche Strukturen. Zum anderen stellt sie sich dem Anspruch, die Sinngehalte des Glaubens für das Selbstverständnis des
Menschen und seine Orientierung in ethischen Herausforderungen unserer Zeit zu
erarbeiten und steuert so einen spezifischen Anteil zum wissenschaftlichen Diskurs über die humane Gestaltung der Gesellschaft bei. Dies tut sie auf einer traditionell stark
philosophischen Grundlage, im Dialog mit den Nachbardisziplinen und in der sie
kennzeichnenden methodischen Vielfalt.

Innerhalb der Universität Wien arbeitet die Katholisch-Theologische Fakultät eng mit der
Evangelisch-Theologischen Fakultät zusammen und trägt mit ihr die gemeinsame
Publikationsreihe „Theologie und Religionswissenschaft“. Darüber hinaus kooperiert sie mit einer Vielfalt der an dieser Universität beheimateten Fachgebiete und
Forschungsplattformen. Der Standort Wien mit seiner religiös pluralen Gesellschaft und
seiner Situierung am Schnittpunkt von West-, Ost- und Südosteuropa ist ebenso
profilbildend für ihre Forschung, wie es die Zusammenarbeit mit hervorragenden
Forschungsinstitutionen im globalen Kontext ist.

Ihren gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Beitrag leistet die Katholisch-Theologische Fakultät besonders in der Behandlung folgender Themen: die Bedeutung der Gottesfrage für säkulare Gesellschaften und der Religion im öffentlichen Raum sowie der dazu gehörigen Transformationsprozesse; ethische Begründungsformen in multikulturellen, multireligiösen und säkularen Kontexten; die Reflexion der Suche nach spirituellen Erfahrungen in
modernen Gesellschaften und deren Bezug zu biblischen und mystischen Quellentexten;
kirchliche und theologiegeschichtliche Strukturen und Denkformen des Mittelalters, deren
Erbe bis heute präsent ist und die zur Analyse aktueller Konflikte und Deutungsmuster
beitragen. Eine besondere Zielsetzung der Fakultät ist der Ausbau der Doktoratsbetreuung durch die Bildung von NachwuchsforscherInnengruppen, die Einwerbung von Drittmittelstellen und die frühe Förderung von Publikationen. Ein Fokus gilt der Förderung der zahlreichen ausländischen Doktoratsstudierenden. Außerdem strebt die Fakultät an, NachwuchswissenschafterInnen früh in internationale Kooperationen in Forschung und Lehre einzubinden und so die Attraktivität der Fakultät als Forschungsstandort auszubauen.

Themenfelder und Forschungsschwerpunkte


Zu den fakultären Themenfeldern, in denen ein wissenschaftlicher Austausch stattfindet,
gehört erstens „Ökumene“ im Sinne einer fakultären Querschnittmaterie. Dieses Themenfeld trägt der in Europa einzigartigen ökumenischen Situation in Wien mit einer starken gesellschaftlichen Präsenz von Ost- und Westkirchen Rechnung. Über die Universität hinaus werden in Zusammenarbeit mit der Ökumene verpflichteten Organisationen neue Forschungsperspektiven entwickelt.


Das zweite Themenfeld ist „Gender im religiösen, kulturellen und ethischen Kontext“. Ein
Brückenschlag zwischen kritisch reflektierten Gendertheorien, Theologie und
Religionswissenschaft ist gesellschaftlich und wissenschaftstheoretisch unverzichtbar und
dient den in Kirche und Gesellschaft erforderlichen Veränderungsprozessen. Die Mitglieder des Themenfelds „Gender“ kooperieren mit der Evangelisch-Theologischen Fakultät und verfolgen eine interfakultäre Vernetzung in Lehre und Forschung. Die Zielsetzungen des Themenfelds konkretisieren sich auf der Ebene der Lehre im regelmäßigen Angebot des gleichnamigen Wahlmoduls.

Ein drittes Themenfeld ist „Christologie“. Angesichts des in der Gesellschaft vorherrschenden Pluralismus der Religionen und Weltanschauungen bedarf das für den christlichen Glauben zentrale Bekenntnis zu Jesus Christus einer zeit- und situationsgemäßen Darstellung. Dabei werden die biblischen Zeugnisse und die theologische Tradition mit aktuellen Anfragen konfrontiert und in interdisziplinären Gesprächen – exegetisch, historisch, systematisch und praktisch – für ein modernes Verständnis dieser Glaubenswahrheit fruchtbar gemacht.

Fakultäre Forschungsschwerpunkte:

Religionsphilosophie und empirische Religionsforschung

Die Komplexität der Veränderungen in der gegenwärtigen religiösen Landschaft führt zu
neuen Herausforderungen für Gesellschaft, Politik, Kirchen und Religionsgemeinschaften.
Ziel des Forschungsschwerpunkts ist die multidisziplinäre Forschung zu Religionen im
Kontext dieser Veränderungen und die Diskursvernetzung und Profilierung der beteiligten
Disziplinen. Zur Analyse der Situation werden hermeneutische, religionsphilosophische und religionssoziologische Kompetenzen und die Expertise in der empirischen
Religionsforschung, wie sie an der Katholisch-Theologischen Fakultät vorhanden sind,
eingesetzt.

Ethik in religiösen und säkularen Kontexten

Die starke politische Präsenz religiöser Gruppen in verschiedenen Weltregionen und auch in säkularen Gesellschaften zwingt zu einer neuen Reflexion über das Verhältnis von Ethik und Religion. Angesichts dieser Verhältnisse stellt sich heute die Frage, wie religiöse Sinnhorizonte mit Ethikansätzen verbunden werden können (Stichworte:
Fundamentalismus, Säkularismus). Im Hinblick auf die konkreten Handlungsfelder zeigt
sich die Problematik des Verhältnisses von religiösen und säkularen Kontexten im
Bildungsbereich (Stichwort: Ethik- und Religionsunterricht), in der Wirtschaft, Medizin,
Politik und in der Forschung. Ziel des Forschungsschwerpunkts ist es, Grundlagenfragen der Ethik im Kontext pluraler Weltanschauungen zu klären sowie die ethische Diskursfähigkeit zu fördern. Kennzeichen des Standorts Wien ist es, dass dieser Diskurs nicht nur im lokalen Kontext geführt wird, sondern im Austausch mit mitteleuropäischen PartnerInnen ebenso wie in einem globalen und interkulturellen sowie interreligiösen und ökumenischen Diskurs (insbesondere mit den Philippinen, Lateinamerika und dem Nahen Osten).

Text und Mystik

Ziel und Anliegen des Forschungsschwerpunkts ist die interdisziplinäre und interreligiöse
Erforschung des Verhältnisses heiliger Schriften unterschiedlicher religiöser Traditionen und spiritueller Praktiken. Der Forschungsschwerpunkt reagiert damit auf Verschiebungen im religiösen Feld moderner Gesellschaften von institutionen- zu erfahrungsbezogener
Religiosität. Chancen und Ambivalenzen dieser Entwicklung sollen im Gespräch mit den
mystischen Traditionen der Religionen theologisch reflektiert werden. Im Zentrum der
Forschung stehen dabei die Bibel, insbesondere das Alte Testament, und die Frage nach der Möglichkeit einer reflektierten Wiedergewinnung dessen, was in der Tradition das „geistige Schriftverständnis“ genannt wurde. Aus praktisch-theologischer Perspektive eröffnet der bibelwissenschaftliche Befund Möglichkeiten, in einem konkreten Themenfeld der Frage nach einer zeitgerechten Transformation christlicher spiritueller Praxis im kirchlichen Raum nachzugehen. Die religionswissenschaftliche Perspektive erweitert den Fokus des Forschungsschwerpunkts auf nichtchristliche religiöse Traditionen und eröffnet dadurch Einblicke in die Vielfalt der Möglichkeiten, das Verhältnis von Text und Mystik
wahrzunehmen, zu bestimmen und wissenschaftlich zu reflektieren.

Theologische Mediävistik

Der Forschungsschwerpunkt Theologische Mediävistik zielt auf die Erforschung
theologischer Texte, Ideen und Gestalten im größeren Mittelalter, d. h. jener Epoche, die sich von der Spätantike bis in die frühe Neuzeit erstreckt. Der Schwerpunkt trägt zum einen der Tatsache Rechnung, dass das Mittelalter Fragestellungen entwickelte, die nicht nur das theologische Denken, sondern auch weite Bereiche der heutigen Kultur prägen. So hat etwa Theorie und Praxis mittelalterlicher Konzilien die Entwicklung der modernen politischen Mitbestimmung ebenso beeinflusst wie die Ausformung der kirchlichen Verfassungen, die bis heute Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen sind. Bemühungen mittelalterlicher Theologen um Konfliktstrategien und Weltgestaltung können einen Beitrag zu den modernen Diskursen über Macht, Gewalt und Toleranz leisten. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen Theologiegeschichte übt daher sowohl eine inspirierende als auch kritische Funktion für die zeitgenössische Theologie und Kulturanalyse aus. Zum anderen konnte sich die Mediävistik (medieval studies) in den letzten Jahren als Musterbeispiel für gelungene interdisziplinäre Forschung in den Geisteswissenschaften etablieren. Mit dem Forschungsschwerpunkt Theologische Mediävistik besitzt die Katholisch-Theologische Fakultät ein Alleinstellungsmerkmal unter den theologischen Fakultäten im deutschsprachigen Raum, wo sich Theologiegeschichte bevorzugt dem kirchlichen Altertum (Patristik) oder der neuen und neuesten Zeit widmet.

Ex­zerpt aus Entwicklungsplan Universität Wien 2015 (Genehmigung am 27. Jänner 2012)

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