Wednesday 16. May 2012
Katholisch-Theologische Fakultät
Institut für Systematische Theologie
Das Selbstverständnis des Faches Theologische Ethik
(Moraltheologie)

Die Theologische Ethik (Moraltheologie) erschließt die Bedeutung des christlichen Glaubens für das Handeln der Menschen in der Welt von heute.
Die leitende Perspektive ist eindeutig theologisch. Vom Glauben, wie er in den
biblischen Texten und der christlichen Tradition verbürgt wird, eröffnet sich ein Sinnverständnis des Menschen, welches in hohem Maße handlungsrelevant
ist. Unbeschadet ihrer theologischen Basis ist theologisch-ethisches Nachdenken
aber unabdingbar auf die allen Menschen gegebene sittliche Vernunft verwiesen.
Daher vertritt die Theologische Ethik entgegen mancher Auffassungen keine
religiöse Sondermoral. Die sittliche Vernunft als Reflexionsgrundlage weist sie
vielmehr als eine Form universaler Ethik aus, die grundsätzlich für alle Menschen nachvollziehbar sein möchte und auf Konvergenz mit philosophischer Argumentation hinzielt.

Das Spezifikum der Theologischen Ethik ist darin zu sehen, dass in ihr der christliche Glaube den Sinnkontext bildet, welcher der Vernunft eine Denkperspektive gibt. In anderen Formen der Ethik sind es andere vorwissenschaftliche Sinnkontexte,
an denen sich die Vernunft orientiert, was zu entsprechend unterschiedlichen
ethischen Konsequenzen führt. Daher sind Vernunftargumente im ethischen Diskurs stets auf die ihnen zugrunde liegenden Voraussetzungen (z.B. Weltanschauung, Menschenbild) zu prüfen. Der für die Theologische Ethik unverzichtbare Dialog mit anderen ethischen Konzeptionen verdunkelt dabei keineswegs die theologische Identität, sondern hilft ihr, diese zu klären. Im christlichen Selbstverständnis ist und bleibt der Glaube der hermeneutische Ort theologisch-ethischer Reflexion. In diesem Horizont erschließt die Theologische Ethik das Optimum menschlicher Praxis, welches
sie argumentativ in die universale ethische Kommunikation einbringt.

Als wissenschaftliche Disziplin ist Theologische Ethik daher in vielfältiger
Weise vernetzt. Sie ist auf den Dialog mit anderen theologischen Disziplinen
ebenso verwiesen wie auf das interdisziplinäre Gespräch mit den Geistes-,
Human- und Naturwissenschaften. Nur so kann der Wirklichkeitsbezug theologischer Reflexion gewahrt bleiben, den der Glaube an das Wirken Gottes in der Welt voraussetzt.  Als theologische Wissenschaft ist die Theologische Ethik ebenso
bleibend in die Erfahrungs- und Solidargemeinschaft der Kirche Jesu Christi
gebunden. In ihr ist nämlich ein unverzichtbarer Wahrnehmungsraum der
christlichen Botschaft gegeben, in welchem sittliche Standards entdeckt, reflektiert
und tradiert werden. Schließlich steht Theologische Ethik auch in Verantwortung gegenüber der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Ihr legt sie eine Handlungspraxis argumentativ vor, von der sie überzeugt ist, dass sie zur Förderung der Mensch-
lichkeit und des menschlichen Zusammenlebens Entscheidendes beiträgt.
Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Wien | Dr.-Karl-Lueger-Ring 1 | 1010 Wien | T +43-1-4277-30001
http://ktf.univie.ac.at/